Arcons Tagebuch
Firun 34 Hal
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??. ??? 34 Hal? Es macht den Eindruck, als wäre es mir einfach nicht gegeben zu bestimmen zu welcher Zeit ich diesen Eintrag verfasse. Ebenso wenig wie den Moment benennen, kann ich den Ort näher definieren, an dem meine Weggefährten und ich uns nun aufhalten. Ich könnte nun in den schillernsten Grautönen diese optisch relativ unattraktive Einöde in Worten auf Papier bringen, doch ich wage den Versuch erst gar nicht. Auch malerisch nimmt mir das vorhersehbare Scheitern eines Versuches jegliche Motivation zu einer großen, künstlerischen Tat. Fest steht, dass sich sowohl der Bestand unserer Ausrüstung als auch unser körperliches und geistiges Befinden in einem überraschend neuen und uns irritierenden Zustand befinden. So scheinen neben einiger kleinen Phiolen, voll wohltuenden Heilgebräu, auch zahlreiche unserer blinkenden Münzen abhanden gekommen zu sein. Unsere Geldbeutel scheinen leichter als das Leder, aus dem sie gefertigt wurden. Einzig Rondarion hat eine große Ansammlung wertvoll scheinender, goldener Scheiben bei sich.
Was mein Gemüt weit mehr belastet als all die Widrigkeiten, die ich eben hier für die Nachwelt festgehalten habe, ist das Faktum, dass mein edles Streitross Zorn, gemeinsam mit all den anderen Reittieren, die uns auf unserem Weg so trefflich unterstützt haben, sich an einem uns unbekannten Ort befinden. Nun, möglicherweise kennen wir den Ort - nur die Tatsache, dass unsere animalischen Begleiter sich dort in eben diesem Moment aufhalten, entzieht sich unserer Kenntnis. Auch körperlich habe ich nicht das wohlige Gefühl vollkommener und angenehmer Gesundheit, dessen ich mich in meinen letzten Erinnerungen erfreuen konnte. Es fällt mir schwer mich aufrecht zu halten. Obwohl des Schusters Rappen an meinen Füßen keine gröberen Schäden aufweisen, dürfte meinen Füßen selbst etwas Gravierendes zugestoßen sein. Genauer gesagt dem Rechten der beiden. Die fünfte und kleinste Zehe die mir in meinem bisherigen Leben zu einem sicheren Stand verholfen hat, zeichnet sich durch eklatante Abwesenheit aus. Ein Umstand, welchen ich mir in keiner Weise erklären kann. Auch sonst fühlt sich mein Körper weitaus geschundener an als meine Erinnerung zu rechtfertigen vermag.
Ganz abgesehen von diesen körperlichen Defiziten, die sich mir hier offenbaren, ist auch ein Problem bei mir vorstellig geworden, welches sich wohl in erster Linie in meinem Kopf ausgebreitet hat. Ich vermag es nicht mehr einen eloquenten, geradlinigen oder gar einfach und allgemein verständlichen Satz von mir zu geben. Weder über den üblichen Weg der Aussprache noch mit Hilfe von Stift und Papier bin ich in der Lage mich unmissverständlich auszudrücken. Ein Umstand, der mir scheinbar gewisse Einbußen bei meinen Kameraden einbringt. Sie scheinen meine Worte und vor allem deren Sinn nicht in vollem Umfang und gesamter Tragweite zu akzeptieren. Eher scheinen selbst jene Hinweise, die eigentlich sachdienlich von mir gemeint sind, einzig und alleine der Erheiterung der anderen zuträglich zu sein. Auch wenn das Lachen von Menschen durchaus als etwas Schönes zu bezeichnen sein mag, so kann man auch dessen überdrüssig werden, erst recht, wenn man selbst der Anlass für diese Kundmachungen der Freude und des Spaßes ist. Mir bleibt allerdings nun weder die Zeit diesen Bericht hier zu vervollkommnen, noch mir über die Gründe meiner inneren Hemmnisse Gedanken zu machen. Es scheint, als seien nun abgesehen von mir alle Anwesenden motiviert und Willens unseren Aufenthaltsort, zwecks namentlicher Bestimmung, weiträumiger zu untersuchen.
6. Firun 34 Hal Wie schon so viele Male zuvor kann ich dieses Buch um sowohl gute wie auch schlechte, aber in jedem Fall neue Erkenntnisse erweitern. Die erste neue Erkenntnis, welche ich an dieser Stelle anführen möchte, besteht darin, dass wir nun wieder wissen, zu welcher Zeit und an welchem Ort wir uns befinden. Noch viel besser wird diese Nachricht dadurch, dass wir uns nun auch wieder auf Boden befinden, der zum einen unter der Gerichtsbarkeit des Kaiserreiches steht und zum anderen auch vor dem Auge der Götter nicht versteckt liegt. Wir haben wieder Boden unter den Füssen, über den dereinst Waldemar der Bär herrschte. Als ich den letzten Eintrag schrieb, ich zählte seitdem fünf Läufe der Praiosscheibe, befanden wir uns in weit unsäglicherem Gelände. Auf einem Weg, den wir wohl nicht mehr nachvollziehen werden können, haben wir uns auf die andere Seite der Berge begeben. Somit waren wir dann wohl im Herrschaftsgebiet eines der Erben des Dämonenmeisters. Einiges von dem, was wir dort gesehen, gehört oder in anderer Form mitbekommen haben, kann man getrost und ohne Umschweife, als unangenehm bezeichnen. Weil ich gerade auf unangenehm zu sprechen komme. Ebenso könnte man nun, wenn man an meiner Stelle ist, die Tatsache nennen, dass eine alte Bekannte von Torjin unseren Weg gekreuzt hat. Ausgerechnet jene alte Bekannte, die sich der düstereren Seite der Magie zugewendet hat. Dass nun der Tag gekommen sein soll, an dem diese überaus unangenehme Zordra unser Hoffnungsstreif am Horizont sein sollte, stimmt mich überaus verdrießlich. Auch die Tatsache, dass sie uns einen relativ kurzen und auch recht schnellen Weg in die optisch weit ansprechendere weidener Wildnis gezeigt hat, macht sie noch nicht zu guter Gesellschaft. Während wir den schweißtreibenden Fußmarsch auf uns nahmen, bewältigte sie die Strecke auf einer Ausgeburt der Niederhöllen. Zugegeben, sie machte uns das Angebot, ebenfalls auf eine solche Widernatürlichkeit als Reittier zurückgreifen zu können, doch abgesehen von Fenia waren wir nicht begeistert von dieser Idee. Demnach lehnten die meisten von uns ab. Nun aber haben wir unsere gewohnten Rösser zurück und die Mühe der letzten Zeit ist vergessen. Ganz im Gegenteil übrigens zu den niedrigen Temperaturen, die der weidener Winter mit sich bringt, welche uns im Moment durch Mark und Bein ziehen.

Nun bin ich also wieder in bekanntem Land, auf Wegen die ich nicht fürchten muss. Begleitet von jenem Tier, welches mir nun schon seit einiger Zeit getreue Dienste geleistet und mich über Stock und Stein getragen hat. Auch der größte Teil meiner Habseligkeiten befindet sich an Orten, die mir erstens bekannt und zweitens zugänglich sind. Dennoch mag sich in meinem Herzen und ich meinen Gedanken nur wenig Freude einstellen. Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass ich in keiner Weise mehr ernst genommen werde. Da im Moment keine meiner Aussagen auf offene Ohren, oder gar auf einen geneigten Zuhörer stoßen, sondern nur mit Spott und Hohn bedacht werden, habe ich nun die verbale Kommunikation mit meinen Mitreisenden nahezu restlos eingestellt. Ohnehin könnte mir niemand die Frage beantworten, die den meisten Teil meiner Gedanken ausfüllt. Was, bei allen Göttern, habe ich mir zu Schulden kommen lassen, dass mir nun mit dieser auffallend abwesenden Geradlinigkeit vergolten wird. So sehr ich meinen Geist auch bemühe und selbst mit all der Konzentration zu der ich fähig bin, mag es mir nicht gelingen einen kurzen, prägnanten Ausspruch zu tätigen. Ich habe die eine oder andere Tat begangen, die mir weder zu Ruhm, noch zu Ehre, noch zu göttlichem Wohlgefallen gereicht hat. Daran besteht kein Zweifel. Ich kann nur hoffen und beten, dass ich nicht etwas noch Schändlicheres getan habe in eben der Zeit, die sich meinem Gedächtnis so gekonnt entzieht. Auch die Frustration über meine Strafe hat mich in den letzten Tagen zu Dingen verleitet, die meinen Stolz nicht gesteigert haben. Doch es bleibt mir nichts anderes übrig als um Verzeihung zu bitten.
9. Firun 34 Hal Langsam bewegen wir uns durch das Land, denn die winterlichen Fährnisse, die uns das Wetter entgegen schmettert, bremsen uns doch erheblich. Doch soll dies nicht bedeuten, unser langsames Vorankommen würde mir eine zusätzliche Falte auf die Stirn rufen. Ganz im Gegenteil. Es gibt mir Zeit in mich zu gehen und meine Gedanken zu ordnen. Auch gibt es mir Zeit in Gedanken für meine Fehler, und für die Tatsache, dass ich sie vergessen habe, um Vergebung zu flehen. Da ich nicht an den kargen und wohl wenig fruchtbaren Gesprächen der Anderen teilnehme, sollte ich mich eigentlich gut auf eben jene Gedanken konzentrieren können. Ganz so einfach lässt sich diese Idee aber nicht in die Realität umsetzten. Immer wieder durchzuckt ein abwegiges Bild meine Gedanken. Vor meinem geistigen Auge, soweit man bei mir von einem eben solchen sprechen kann, sehe mich mit einem ganz speziellen Tötungsinstrument in Händen. Eine Klinge ist es, die ich in Händen halte, von einer zumindest optisch überragend Qualität. Ich kenne diese Klinge aus zwei recht einfach zu erklärenden Gründen. Zum einen wurde sie vor nur wenigen Tagen, eben jenem, an dem mein Gedächtnis wieder den Geschehnissen folgte, gegen mich gerichtet und fügte mir einige Schmerzen zu. Zum anderen ist eben jene Klinge nun so unauffällig wie möglich an meinem Rücken befestigt. Die Waffe verfügt über eine Macht, welche mir unbekannt und unerklärlich ist. Ich konnte eben jene Kräfte fühlen als die Klinge meines Rondrakamms und die eben jenes Schwertes einander berührten. Und als sich erstmals meine Finger um den Griff dieser Waffe schlossen, war die Macht so überwältigend, dass es mir die Sinne raubte und ich zusammenbrach. Doch bei einem zweiten beherzten Versuch konnte ich dieses Prachtstück der Metallverarbeitung an mich nehmen. Ich werde es in die kundigen Hände der Geweihtenschaft der Rondra legen, so ich wieder Gelegenheit dazu habe.
15. Firun 34 Hal Auch in den letzten Tagen konnte ich klar und ohne Zweifel erkennen, dass meine Artikulationsfähigkeit nicht im Geringsten effektiver wurde. Auch die wenigen Sätze, denen ich mit Mühe Klang verliehen habe, hatten nichts, was annähernd an Kürze oder Prägnanz erinnert. Selbst in meinen stummen Gebeten neige ich dazu, mich in unaufhaltbaren Strömen von Gedanken zu verlieren.
18. Firun 34 Hal Ich mach mir inzwischen wahrlich Sorgen aufgrund meiner mentalen Befindlichkeit. Auch nach langen und ausgiebigen Monologen meinerseits, an die größte aller Kriegerinnen gerichtet, kann ich keinerlei Besserung feststellen. Meine Ausdrucksweise wird weiterhin von blumigen Worten dominiert, die sich - im Normalfall - dicht an der oberen Grenze meines Wortschatzes zusammenrotten. Ich verspüre eine gewisse Frustration in diesem Zusammenhang.
21. Firun 34 Hal Nach außen hin neige ich im Moment stark dazu eine gewisse Teilnahmslosigkeit an den Tag zulegen. Ich beschränke mich beim Eingreifen in die gegebenen Gesprächsabläufe auf die Rolle eines Baumes. Die letzten Läufe der glänzenden Scheibe, welche wir gerne, oft und völlig zu Recht mit dem Götterfürsten in Verbindung bringen, habe ich davon abgesehen meinen Gedanken Klang zu verleihen. Ich bemerke in diesem Zusammenhang auch eine gewisse Auswechslung jener Dinge, um die meine Gedanken ihre weit schweifenden Runden drehen. Waren es in vergangenen Tagen oftmals Dinge, welche eine gewisse Menschenmenge betreffen, zum Beispiel meine werten Reisebegleiter und mich, so kann ich momentan eine relativ deutliche Konzentration auf meine Person verzeichnen. Ich tendiere langsam dazu, mir einen gewissen Egoismus zu unterstellen, der mir zwar leicht befremdlich, aber durchaus nicht unangebracht erscheint. Jene Zeit, die ich nicht zu Pferde gen Westen verbringe, bietet viel Möglichkeit zur Pflege meiner Habe. Was mich diesbezüglich wohl am meisten Beschäftigt, ist zu diesem Zeitpunkt jene düstere Klinge, die ich zu beginn dieses Mondes an mich nehmen konnte.
28. Firun 34 Hal Nun besitze ich schon den außergewöhnlichen Großmut und die grenzenlose Toleranz, jene, die hier mit mir den Weg zurücklegen, mit meinen herausragenden, wenn auch relativ neuen sprachlichen Fähigkeiten zu verschonen. Ich muss mir zwar eingestehen, dass jedes Wort, gar jeder Laut, an sie gerichtet einer unerträglichen Verschwendung gleich käme, aber dennoch ehrt mich die Tatsache, dass ich ihren kleinen Gedankenwelten ihre Seelenruhe gewähre. Da hat dieses widerliche Gesocks nichts Besseres zu tun als sich entweder über die ach so grausame Kälte des großen Jägers zu beschweren, oder, was weit unangebrachter und hinterhältiger ist, sich lautstark über mich zu amüsieren. Sie haben zwar nicht den Schneid, mit ihrem Spott und ihrem Schabernack so laut die Luft zu verschwenden, als das selbiger mein Ohr erreicht, doch dafür ist ihr hämisches Lachen um so deutlicher zu vernehmen. Meine Geduld mit diesem Pöbel schwindet. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich mir diese Zustände noch zu Gemüte führe.
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Simon Ross (c), 2008 - 2012
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